Krimi-Service, WDR5, Scala Juli 2018

Sommerzeit – Schmökerzeit. Das finde ich jedenfalls . Aus meinem Urlaub in Frankreich hatte ich deshalb den dortigen Frühjahrsbestseller mitgebracht, der gerade erst bei uns erschien. Und stellte einen deutschen Autor vor, der mit Grusel und Gänsehaut toppt.

 

Guillaume Musso: „Das Atelier in Paris“, Pendo / Piper, 1.6.2018, 16,99

Wie immer, wenn ich in Frankreich bin, schnupper ich in den Buchhandlungen.  Diesmal stolperte ich über „Un appartement à Paris“, das im März in FR und in der deutschen Übersetzung jetzt Anfang Juni erschien. Ein Schmöker par excellence:

Ein Atelier, mitten in Paris. Hier lebte einst der weltberühmte aber menschenscheue Künstler Sean Lorenz. Vor einem Jahr starb er. Nun wird das Atelier vermietet. Und gleich zwei Personen bekommen durch ein Versehen des Vermieters, den Zuschlag: Gaspard, ein menschenscheuer Theaterautor, der sein Leben zwischen den USA und einer griechischen Insel verbringt. Und Madeline, ehemalige Polizistin, zerbrochen am Leben, gerade dabei, durch eine künstliche Befruchtung endlich Mutter zu werden.

Gaspard wird, wie jedes Jahr, von seiner Agentin dazu verdonnert, sich in Paris – der Stadt, die er hasst – für ein paar Wochen zurückzuziehen, um sein neues Stück zu schreiben. Während die Ex-Polizistin Madeline aus London anreist und nichts anderes will, als in Ruhe zu sich selbst zu finden. Doch aus den Plänen der beiden wird nichts. Denn gerade als Gaspard sich vornimmt, sich ein Glas Rotwein zu gönnen, reisst ihn ein Geräusch aus seinem Glückgefühlt:

Einspieler: Da war jemand im Haus. Vielleicht die Putzfrau oder der Hausmeister. Er kehrte in den Salon zurück, um sich zu vergewissern. Und plötzlich stand ihm eine Frau gegenüber. Nackt bis auf ein Badetuch, das sie sich um die Brüste geschlungen hatte und das bis zu ihren Oberschenkeln reichte. „Wer sind Sie? Und was machen Sie hier bei mir?“, fragte er. „Genau diese Frage wollte ich Ihnen auch gerade stellen“, erwiderte sie.

Mit diesem Szenario beginnt ein zunächst wie ein Abenteuer anmutendes lebensgefährliches Spiel, in dessen Verlauf sich diese beiden Misanthropen zunächst heftig aneinander reiben, während ein gemeinsames Ziel sie immer mehr vereint: Per Zufall erfahren sie, dass der kleine Sohn des ehemaligen Besitzers dieser Location vor gar nicht langer Zeit entführt und vor den Augen seiner Mutter getötet wurde. Sein Vater, der Maler Sean Lorenz, schwer herzkrank, überlebte den Tod seines geliebten Sohnes nicht.  Nur drei, allerdings unermesslich wertvolle Bilder, soll Lorenz hinterlassen haben, doch die sind nirgends mehr aufgetaucht. Also machen sich Gaspard und Madeline auf die Suche. Eine Suche, die aus ihnen nach und nach ein Team macht, sie ablenkt von ihrer eigenen Ödnis. Und den Leser in dieser stringent erzählten, gut gebauten und salopp daherkommenden Geschichte mit auf einen ansteigenden Spannungsbogen nimmt, der die Protagonisten zwingt, dem Tod, der da lauert, ein Schnippchen zu schlagen. Um dann in einem überraschenden Finale kurzentschlossen der Faszination von Betrug zu erliegen.

Musso gilt als der zur Zeit auflagenstärkste französische Autor. Seine Romane werden in 41 Sprachen übersetzt, teilweise verfilmt.

 

Andreas Winkelmann: Das Haus der Mädchen, rororo, 26.6.2018, 9,99, 400 Seiten

Leni Landei, wie sie bald schon genannt wird, kommt wie ihr Name schon sagt vom Land. Verhält sich entsprechend ungelenk, als sie nach HH kommt, um dort ein Praktikum in einem Verlag zu machen. Untergekommen ist sie in einem Zimmer über einen Onlineservice, ähnlich wie AirBNB. Gleich am ersten Tag stolpert sie über Vivien, eine Schönheit, fest entschlossen, sich in HH einen Millionär zu angeln. Doch gerade, als die beiden ungleichen Frauen sich einander annähern, verschwindet Vivien spurlos und Leni, unbedarft wie sie ist, glaubt an alle möglichen Gründe hierfür. Einer könnte der sein, dass ihrer neuen Freundin etwas Schreckliches passiert ist. Also macht sie sich auf die Suche. Und wird, da sie nicht schwimmen kann, von einem Unbekannten beim herumstöbern auf einem Boot gleich ins Wasser gestoßen und droht zu ertrinken. Doch der Unbekannte rettet sie, entpuppt sich als ehemaliger Geschäftsmann, der in die Obdachlosigkeit absank. Und der ebenfalls detektivisch unterwegs sind. Denn per Zufall hat er beobachtet, wie ein Mann kaltblütig einen anderen am Steuer seines Fahrzeugs erschoss und floh. Der Schütze hat ihn, den Zeugen, erkannt, musste aber aus der Situation fliehen. Und ist ihm nun offenbar auf den Fersen, will ihn ausschalten. Leni und Freddy, der Obdachlose, merken bald, dass sie beide an einem Strang ziehen müssen. Denn Viviens Verschwinden und der Schütze, der den Zeugen jagt, hängen irgendwie zusammen. Erst als ein HHer Kommissar und seine im Rollstuhl sitzende Kollegin die Beiden ernst nimmt, bekommen sie Hilfe bei der Aufklärung eines möglichen Verbrechens. Doch da ist es eigentlich fast zu spät. Jedenfalls für einige der Beteiligten. Rasant, überraschend, gut gemacht von einem erfahrenen Krimi-Autor.