Ingrid Müller-Münch

Eine kriminalistische Zeitreise auf WDR 5, Scala, im November 2020

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Zwei Krimis – eine Zeitreise. Vom Berlin der 30er Jahre hin in eine düstere Zukunft Amerikas nach zwei Amtszeiten Trump. Unsere Krimi-Expertin Ingrid Müller-Münch nimmt sie mit auf die Reise, die eine unblutig und dennoch spannungsgeladen, die andere gezielt losgeschossen.

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Krimiservice: „Blutzahl“ und „Kein falscher Schritt“ / September 2020 WDR5 Scala

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Thomas Enger / Jorn Lier Horst: „Blutzahl“, Blanvalet, 21.9.2020, Übersetzung aus dem Norwegischen Maike Dörries und Günther Frauenlob, 477 Seiten, 11 Euro

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Brad Parks „Kein falscher Schritt“, Fischer, 26.8.2020, Übersetzung aus amerikanischem Englisch: Helga Augustin, 14,99 Euro, 431 Seiten, 3. Thriller

 Zwei Gegensätze, beide stehen für sich. Unsere Krimi-Expertin stellt diesmal einen klassischen Whodunit – also die ausschließliche Jagd nach einem Mörder – einem Thriller gegenüber, in dem sich die ganze Welt der Korruption und des Vertuschens angesichts eines drohenden Bankenskandals unschön entfaltet.

 

Muss ein Krimi ein wichtiges gesellschaftspolitisch relevantes Thema behandeln, um ernst genommen zu werden? Muss es um Ausbeutung in der Dritten Welt, Terroranschläge, korrupte Politiker, Geldwäsche oder wenigstens einen Bankencrash gehen? Oder reicht es, um unterhaltsam zu sein, einen Mörder zu suchen, dabei vor Spannung mitzubeben – und sich dabei vortrefflich zu unterhalten? Den Beweis, dass dies auch heute noch reicht – und nicht nur bei den teetrinkenden old english Ladies von Annodazumal funktionierte – tritt der von einem norwegischen Duo geschriebene, in Kürze erscheinende Krimi „Blutzahl“ an. Als Gegensatz hierzu zeigt „Kein falscher Schritt“, dass natürlich auch ein politisches Thema die Leser in Atem halten und sie für Stunden aus dem Verkehr ziehen kann. Unsere Krimi-Expertin Ingrid Müller-Münch hat sie beide gelesen:

 

 Autorin: Als die Journalistin Emma Ramm erfährt, dass genau an diesem Morgen Sonja Nordstrom verschwunden ist, klingeln bei ihr sämtliche Alarmglocken. Es muss etwas Schwerwiegendes passiert sein, warum sonst sollte die weltbekannte Spitzensportlerin die für heute terminierten Interviews mit Journalisten platzen lassen, denen sie ihr neues Buch präsentieren wollte. Für die ehrgeizige Emma Ramm gibt es kein Halten mehr. Sie kennt die Adresse der Nordstrom. Also macht sie sich auf den Weg.

 

Sprecher: Auch nach dem dritten Klingeln blieb es still im Haus. Aus einem Impuls heraus legte Emma eine Hand auf die Türklinke und stellte überrascht fest, dass die Tür nicht verschlossen war. Emma nahm die Hand von der Klinke, und die Tür glitt langsam in ihre Richtung auf. Sie machte einen Schritt nach vorne. Schob den Kopf ein kleines Stück in einen breiten Flur mit dunklen Bodenfliesen. Ein Stück weiter hinten sah sie einen umgekippten Garderobenständer. Auf dem Boden davor lagen Glassplitter, der große Spiegel an der Wand war zu Bruch gegangen. „Sonja Nordstrom?“ rief sie in den Flur hinein und merkte, dass ihre Stimme zitterte.

 

Autorin: Doch nichts rührt sich. Alles bleibt still. Und von der Nordstrom im ganzen Haus keine Spur. Eines vor allem ist merkwürdig.

 

Sprecher:  Der Fernseher lief. Irgendein Sportkanal. Mitten auf dem Bildschirm klebte eine Startnummer. Nummer eins.

 

Autorin: Zu dem Zeitpunkt, als alles begann, ahnt Emma Ramm noch nicht, welche Bedeutung diese Ziffer in Zukunft haben wird. Denn der Nummer eins folgen weitere Zahlen und damit jedesmal weitere Tote. Nur die Nordstrom bleibt verschwunden. Und irgendwann ist klar, da ist ein Serienmörder am Werk, der sich einen Spaß daraus macht, seine Opfer mit Ziffern zu markieren. Was nicht nur für Emma Ramm, die Journalistin, sondern auch für Alexander Blix vom Osloer Dezernat für Gewaltverbrechen eine Tour de Force bedeutet. Auf der Suche nach demjenigen, der seine Opfer nummeriert und dies auch schonmal per Post kundtut.

Sprecher: Blix drehte den Umschlag noch einmal um. Auf der Rückseite stand kein Absender. „Der ist heute früh mit einem Boten gekommen“, informierte sie die Frau am Tisch gegenüber. „Wie lange ist das her“, fragte Blix. „Tja, ein paar Stunden, würde ich sagen.“ Blix runzelte die Stirn, öffnete den Umschlag und nahm das Foto heraus. Ihm stockte der Atem. Es war eine Vier.

 

Autorin: „Blutzahl“ ist ein geradezu klassischer Whodunit, stand auf Platz Eins der norwegischen Bestsellerliste. Geschrieben von Thomas Enger und Jorn Lier Horst. Beide sind weit über Norwegen hinaus bekannt. Ihre Krimis wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt. Mit „Blutzahl“ schufen sie nun gemeinsam eine gnadenlos dichte Suche nach einem Mörder. Der Klassiker per se. Wären da nicht die Schicksale der Jäger, der Polizisten, der Journalistin. Schicksale, die sich erst nach und nach entschlüsseln und weit in die Vergangenheit hineinreichen. Denn einst, als Emmas Vater ihre Mutter tötete, spielte Kommissar Alexander Blix eine fragwürdige Rolle bei dem Geschehen.

„Blutzahl“ ist der Auftakt einer vielversprechenden, bislang gänzlich unpolitischen aber überaus unterhaltsamen Serie.

Anders als der Thriller: „Kein falscher Schritt“ des US-Amerikanischen Bestseller-Autors Brad Parks.

 

Sprecher: Diese Geschichte ist frei erfunden. Allerdings….Die Idee dazu basiert auf dem Skandal um die US-Bank Wachovia, die von 2004 bis 2007 die gesetzlich vorgeschriebenen Kontrollen zur Geldwäsche ignorierte. Dadurch konnten mindestens 378 Milliarden Dollar über mexikanische Geldwechselstuben, die casa die cambio, hin und her transferiert werden.

 

Autorin: Diese Anmerkungen macht der Autor Brad Parks gleich zur Einführung in seinen Thriller. So weiß gleich jeder, dass es hier nicht um Kinkerlitzchen und Fantastereien geht, sondern um die knallharte Wirklichkeit. Der ehemalige Journalist der Washington Post malt sich auf über 400 Seiten aus, wie es ist, wenn mexikanische Drogenbosse und nordamerikanische Banker gemeinsame Geschäfte machen.

 

Sprecher: Als Erstes muss ich klarstellen, wie absolut wahnwitzig ich es finde, dass die Bankenaufsicht es den Banken überlässt, sich selbst zu regulieren. Die Behörden gehen davon aus, dass Banker ehrlich sind und es der Kunde ist, der die ahnungslose Bank betrügt.

 

Autorin: An dieser Stelle nun kommt der arbeitslose Schauspieler Tommy Jump ins Spiel. Eines Tages lauern ihm zwei FBI-Agenten auf, locken mit viel Kohle und bieten ihm einen Job an, den er genau wegen der Dollars nicht ablehnen kann. Einen Job, in dem seine Fähigkeiten als Schauspieler gefragt sind. Seine Freundin ist ebenso erfolglos als Malerin wie er brotlos als Schauspieler lebt. Außerdem ist sie schwanger. Mit dem Geld könnte er eine Weile seine neue Familie ernähren. Die Sache hat nur einen Haken: Er soll, unter neuer Identität, in ein US-Gefängnis eingeschleust werden und dort einen einsitzenden ehemaligen Banker, der an Geldwäsche-Transaktionen beteiligt war, aushorchen. Der Mann hat, als ihm der Boden zu heiß wurde, Beweismittel beiseitegeschafft, mithilfe derer er so einigen Bankern zu einem Freifahrtschein in den Knast verhelfen könnte. Und genau diese Beweise soll Tommy Jump, unser arbeitsloser Schauspieler, nun heranschaffen. Im Rücken das mexikanische New Colima Kartell, an seiner Seite das FBI. Langsam wird ihm etwas mulmig zumute.

 

Sprecher: Das hier war kein Gangsterfilm. New Colima war kein Haufen flotter Mexikaner in weißen Leinenanzügen, die auf einer malerischen Hazienda mit Meerblick Zigarren rauchten und Sangria tranken. Es waren brutale, seelenlose Killer, denen ein Menschenleben absolut nichts wert war. Sie folterten die Todgeweihten allein wegen des Entsetzens, das es bei den Lebenden auslöste. Sie respektierten kein Gesetz, keine Regierung und hatten nicht das geringste Bedürfnis, wie andere anständige Menschen in Frieden zu leben. Und ich war dabei, mich in ihr Universum zu begeben – in ihre Nähe, wenn nicht sogar in ihr Fadenkreuz.

 

Autorin: Detailreich bis ins Groteske schmückt Parks die Gefängnisszenen aus. Der Thriller „Kein falscher Schritt“ ist wie das Balancieren auf der Schneide eines Messers. Die Gefahr, abzustürzen, lauert ständig.  Geschrieben von einem vor Phantasie berstendem Schreibgenie.

 

 

 

 

 

Guillaume Musso und Elisabeth Hermann, Scala-Krimi-Service v. 21.7.2020

Der französische Schrifsteller Guillaume Musso gilt derzeit als der meistgelesene Autor Frankreichs. Und tatsächlich, wer seinen neuesten Krimi „Ein Wort, um dich zu retten“ liest, versteht die Faszination, die von seinen Büchern ausgeht. Sie langweilen nie, sorgen für eine angemessen Portion an Schauer und versprechen unkonventionelle Lösungen. Während Elisabeth Hermann, Favoritin unter den deutschen Krimiautoren, durchaus mit ihrem französischen Kollegen mithalten kann. Ingrid Müller-Münch hat diesmal etwas für die Reiselustigen im Gepäck, auf die am Mittelmeer ein verschrobener Schriftsteller und eine blutige Leiche warten. Während sich die zuhause gebliebenen Leser auf eine Betriebsprüfung ganz besonderer Art gefasst machen müssen.

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Donna Leon: „Geheime Quellen“, auf „Bücher“, WDR 3, 27.5.2020

Donna Leon: „Geheime Quellen“, Commissario Brunett5is 29. Fall, Diogenes 27. Mai 2020m Übersetzung aus dem amerikanischen Werner Schmitz, 316 Seiten, 24 Euro

Teasertext

Fade war sie die letzten Male. Ihrer Stadt Venedig überdrüssig. Und ihr Commissario Brunetti wirkte lustlos, auserzählt. Doch irgendwas hat sich diesmal geändert. In Donna Leons 29. Fall kommt plötzlich wieder Drive in die Geschichte.

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Noch hochaktuell, obwohl schon 2013 auf WDR5 gesendet, „Neugier genügt“

Arbeitskraft auf Abruf / Menschen in Leiharbeit

Autorin: Ingrid Müller-Münch

Redaktion Gesa Rünker

Sie schuften auf Baustellen, in Putzkolonnen oder Supermärkten. Es gibt inzwischen kaum einen Bereich, in dem sie nicht eingesetzt werden: Leiharbeiter stehen auf Abruf bereit und gelten in den Betrieben als ArbeitnehmerInnen zweiter Klasse. Ihr Lohn liegt an der untersten Sprosse der Einkommensskala. Selbst, wenn sie Vollzeit arbeiten, verdienen sie häufig so schlecht, dass viele von ihnen auf staatliche Unterstützung angewiesen sind. Durch spezielle Werkverträge versuchen Arbeitgeber zusätzlich noch, den auch für Leiharbeiter geltenden Mindestlohn geschickt zu unterlaufen. Hinzu kommt: Ihr Job ist ungesichert. Gut möglich, dass sie schon morgen arbeitslos werden.

In „Neugier genügt“ berichten Gewerkschafter und Leiharbeiter von ihren Erfahrungen mit befristeten, unterbezahlten Arbeitsplätzen. Weiterlesen

Sara Paretzky: Altlasten + Marion Feldhausen: Der Himmel so rot, Scala 19.5.2020

Die Urmutter der emanzipierten Ermittlerinnen, Sara Paretzky, lässt ihre Privatdetektivin auf einen Seuchenherd stoßen, der Corona ähnelt. Marion Feldhausens Kriminalkommissarin aus dem Ruhrgebiet ist vergleichbar unerschrocken und kämpferisch. Sehr zum Vergnügen von Ingrid Müller-Münch

 Sie war eine der ersten Schöpferinnen der sogenannten „hardboiled women“ im Krimi-Genre: Sara Paretzky. Mit ihrer Ermittlerin Vic Warshawski schuf sie eine Protagonistin, die stählern und unerschrocken mit Raymond Chandlers Helden mithalten kann. Und sehr sehr viele Nachfolgerinnen fand. Wie zum Beispiel Sofia Barucchi, eine Duisburger Hauptkommissarin, die ebenso hartnäckig und originell ist, wie ihr großes amerikanisches Vorbild. Ingrid Müller-Münch über die Urmutter der toughen Ermittlerin im Krimi-Gerne und eine ihrer literarischen Enkelinnen, die ihr absolut das Wasser reichen kann. Und darüber, wie auch in Krimis Seuchen entstehen können, mögen sie Corona heißen oder einfach anders.

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Elsemarie Maletzke und Tony Parsons auf Scala / WDR5, 24.3.2020

Diesmal stellt Scala zwei Krimis vor, die gegensätzlicher nicht sein könnten. Einer dreht sich jahreszeitgemäß um prächtig blühende Magnolien, der andere jahreszeitunabhängig um eine missratende Entführung. Unsere Krimi-Expertin Ingrid Müller-Münch hofft so, mit einem Schlag gleich unterschiedliche Geschmäcker zufrieden zu stellen.

Die Magnolien schlagen aus, ihre Blüten kündigen die warme Jahreszeit an. Dass sich hinter ihrer Pracht Mord und Totschlag verbergen kann, zeigt deutlich der erste Krimi, den unsere Krimi-Expertin Ingrid Müller-Münch vorstellt: „Magnolien Mord“ der Frankfurter Autorin Elsemarie Maletzke. Während der zweite aus der Reihe des englischen Bestsellerautors Tony Parsons keineswegs Blumen oder Blüten braucht, um zur Sache zu kommen. Da wird direkt entführt und gemordet. Völlig unverblümt.  Weiterlesen

Michael Robotham „Schweige Still“ + Nicci French: „Was sie nicht wusste“, Scala 7.1.2020

Das neue Krimijahr beginnt mit zwei in England spielenden Pageturnern der Extraklasse, die beide eines gemeinsam haben: Es dreht sich alles um die Kunst der perfekten Lüge. Der australisch-englische Bestsellerautor Michael Robotham lässt zwei am Leben verstörte Sonderlinge aufeinanderprallen. Während Nicci French, das unter diesem Pseudonym schreibende britische Erfolgsautorenpaar eine biedere Mutter von drei Kindern beinahe an ihrem immer dichter werdenden Fantasienetz zu ersticken droht.

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Liebe LeserInnen meiner Website,

ich bin ein klein wenig in der Versenkung verschwunden. Der Grund ist nicht eine beginnende Faulheits-Periode. Im Gegenteil, ich bin derzeit sehr fleißig und recherchiere eifrig im Auftrag der „Unabhängigen Kommission Antiziganismus“ –  die im vergangenen Jahr vom Deutschen Bundestag eingesetzt wurde –  über das Thema „Polizeigewalt gegenüber Sinti und Roma nach 1945“. Dabei geht es vor allem um die ersten vier Nachkriegsjahrzehnte. Das Ergebnis dieser wirklichen Fleißarbeit wird zunächst an die Kommission gehen und in deren Bericht einfließen, der noch in dieser Legislaturperiode, also bis September 2021, veröffentlicht werden soll. Ihr seht als, es tut sich was, nur im Verborgenen.

Robotham und Nicci French bei Scala / WDR 5, 7.1.2020

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Das neue Krimijahr beginnt mit zwei in England spielenden Pageturnern der Extraklasse, die beide eines gemeinsam haben: Es dreht sich alles um die Kunst der perfekten Lüge. Der australisch-englische Bestsellerautor Michael Robotham lässt zwei am Leben verstörte Sonderlinge aufeinanderprallen. Während Nicci French, das unter diesem Pseudonym schreibende britische Erfolgsautorenpaar, eine biedere Mutter von drei Kindern beinahe an ihrem immer dichter werdenden Fantasienetz  ersticken lässt. Weiterlesen